Normalität (1) – Der Morgen

Es ist sechs Uhr morgens. Wie jeden Tag klingelt der Wecker unserer Hauptperson um sechs Uhr morgens. Viel zu früh wird die Person, die wir ab sofort Peter Müller nennen werden, aus dem Schlaf gerissen. Um unnötige Spannung zu vermeiden: Peter Müller wird wie jeden Tag fünf Minuten zu spät auf der Arbeit erscheinen, seine Arbeit absitzen, um sechs Feierabend machen, mit seiner Frau um sieben zu Abend essen, um acht die Tagesschau und im Anschluss daran die folgende Sendung sehen. Um zehn wird er schließlich sein Tagwerk beenden und eventuell noch ein Buch lesen. Das ist alles. Interessanter ist Peter nicht.
Man könnte fast sagen, Peters Leben wäre spießig und langweilig. Das wäre aber gelogen, wie Peter gerne erzählen wird. Nehmen wir zum Beispiel den heutigen Tag. Peters Wecker hat also gerade geklingelt. Natürlich hat Peter keinen besonders großen Anreiz, das warme Bett zu verlassen und bleibt daher noch etwas liegen. Natürlich kann er es sich nicht leisten, noch einmal einzuschlafen. Also liegt er wach da und starrt die Decke an. „Ziemlich langweilig, wenn du mich fragst“, sagt er sich selbst und dreht sich zur Seite. Neben ihm im Bett liegt die Frau seiner Träume. Das würde nicht einmal seine Frau ihm abkaufen, denn sie weiß, dass er sich insgeheim wünscht, er wäre damals nicht so ein Idiot gewesen. Damals vor vielen Jahren, als seine Freundin ihn fragte, ob er mit ihr eine Weltreise machen würde und er nur sagte „Ich kann nicht weg, ich muss vernünftig sein“. Warum glaubte er nur immer, für alles und jeden verantwortlich zu sein?
Jetzt hatte er also seine Frau. Er kam gut mit ihr zurecht und sie mochten sich, aber sie wussten beide, dass das zwischen ihnen nicht die romantische Liebesbeziehung, nicht das große Abenteuer war, das in Kitschfilmen, -romanen und -liedern beschworen wird. Nein, sie waren nur ein gut eingespieltes Team und das war vermutlich auch der Grund, warum sie es überhaupt miteinander aushielten. Der Wecker klingelte erneut. Monika, seine Frau, quälte sich aus dem Bett. „NMrgn“, sagte sie, während sie ein paar Kleidungsstücke für den Tag zusammensuchte und in Richtung Bad verschwand. Sie war definitiv kein Modepüppchen. Alles, was sie ausmachte, war eine sehr pragmatische Art. Daher kam es oft vor, dass sie bereits um halb sieben zur Arbeit ging, während er sich noch aus dem Bett quälte.
Er war eher Theoretiker. Er legte keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten, dachte aber viel über das für und wider all seiner Entscheidungen nach. So brauchte er meistens eine dreiviertel Stunde für sein Frühstück, weil er sich immer nicht entscheiden konnte, ob er lieber Marmelade, Honig oder Nutella auf sein Brot hätte. Dabei stellte sich ja auch immer noch die Frage Vollkorn oder Weizen, vielleicht sogar Brötchen? Wenn ja, dann mit Sesam, mit Mohn oder Normal? Und sollte er dazu trinken? Kaffee, Tee, Orangensaft? Am Ende kam fast immer eine Schüssel Müsli und ein Glas Leitungswasser dabei heraus. Glücklicherweise ahnte seine Frau seine Probleme und nahm ihm in letzter Zeit durch ihre Einkaufsstrategie die Entscheidung ab. Dadurch gab es morgens eben das Frühstück, das gerade vorrätig war. Das war einer der Gründe, warum er seine Frau brauchte. Nicht, dass er nicht auch mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne sie überlebt hätte, zumindest irgendwie, aber es erleichterte die Sache schon immens, nicht eine halbe Stunde vor dem Kühlschrank stehen zu müssen (vom stromsparenden und damit auch ökologischen Aspekt einmal ganz abgesehen).
Peter schaut also in den Kühlschrank. Dort findet er ein Hiffenmarkglas. (Peter ist Franke, wer ein Verständnisproblem hat, benutzt bitte google oder eine vergleichbare Suchmaschine.)
Es gibt also ein Marmeladenbrot zum Frühstück. „Und zu Hiffenmark passt am besten… Genau, das“, denkt er, während er in den Brotkorb ansieht. Daneben steht eine Tasse, in der bereits ein Teebeutel schwarzer Tee hängt, der Wasserkocher und drei Stück Zucker. Der Fall ist klar. (Wer sich übrigens fragt, warum an dieser Stelle Präsens verwendet wird, darf dies gerne tun.)
Einige Zeit später verlässt ein Mann das Eckhaus. Der Mann trägt einen nicht ganz passenden Anzug und eine Aktentasche. Es regnet, was bedeutet, dass der Mann seinen Schirm vergessen hat. Es regnet nur, wenn er keinen Schirm dabei hat. Er ist heute pünktlich an der Bushaltestelle angekommen, weshalb der Bus vermutlich einige Minuten verspätet sein wird. Peter gähnt und wartet. Da er davon ausgeht, dass der Bus wegen seiner eigenen Pünktlichkeit zu spät kommt, nimmt er sein Notizbuch und einen Stift aus der Aktentasche. Er beginnt zu schreiben. Der Stift nicht. Also nimmt er einen Bleistift. Bleistifte enthalten übrigens kein Blei, ihr Inneres besteht aus Graphit. Das Innere eines Zykels hingegen ist die Menge aller Punkte, deren Umlaufzahl nicht null ist. Er setzt den Stift an und will einen wichtigen Gedanken notieren, als der Bus kommt. Er steigt ein. Er will weiterschreiben. Er hat den Gedanken vergessen. (Das war ein Wiederholungsfehler — oder eine Anapher, wie auch immer).
Peter sieht aus dem Fenster. Es regnet. Er ist nicht glücklich. Er ist nicht traurig. Im Moment fühlt er sich wie langweiliger Nieselregen: Nicht besonders gut, aber es gibt schlimmeres. „Langweiliger Nieselregen? Vielleicht sollte ich mir bessere Vergleiche suchen, bevor für mein Bier die Regentropfen Hopfen klopfen“, denkt er sich und beobachtet lieber seine Mitfahrer.
Sein Gegenüber ist in sein Handy vertieft und bemerkt ihn nicht. Er hat kurze, blonde Haare und trägt einen Vollbart. Weiterhin wird sein Gesicht von einer riesigen Hornbrille, wie sie zur Zeit Mode ist, verdeckt. Die Person scheint über etwas nachzudenken. Woran denkt er wohl? Wenn Peter seine Augen sehen könnte… In den Augen der Menschen spiegelt sich ihr ganzes Wesen wieder, dessen war er sicher. Er konzentrierte sich genau auf die Augenpartie. Peter wartete geduldig. Die Zeit verging viel zu schnell. Nur noch eine Station, bis er aussteigen musste. Plötzlich schaute die Person hoch. Peter konnte genau die tiefe blaue Farbe sehen, ebenso vereinzelte grüne Sprenkel. Das Gesicht lachte, aber die Augen wirkten müde, als würden sie ins Leere schauen. Er sieht schnell weg.
Die Bustür öffnet sich und Peter quetscht sich durch das Gedränge aus dem Bus heraus. Natürlich regnet es wieder. Solange Peter im Trockenen gesessen hat, hat es nicht geregnet.

Normalität (2) – Der Job

Peter sieht auf seine Uhr. Anders als bei anderen Menschen ist sie nicht am Arm befestigt, sondern steckt — an der Gürtelschlaufe befestigt — in seiner Hosentasche. Das hat keinen besonderen Grund, ist aber erwähnenswert, denn es zeigt, dass Peter eben nicht ganz gewöhnlich ist. Eine Sekunde später sieht Peter erneut auf seine Uhr, denn er hat beim ersten Mal nicht auf die Uhrzeit geachtet. Es ist fünf vor acht. Um acht sollte er im Büro sein und dorthin bräuchte er sieben Minuten, wenn er sich beeilte. Damit käme er aber knapp zu spät und unterbräche die frühmorgendliche Begrüßungszeremonie seiner Kollegen. Also konnte er sich auch Zeit lassen, fünf Minuten zu spät kommen und in aller Seelenruhe durch leere Gänge seinen Arbeitsplatz aufsuchen. Die Straßen wirkten so grau. Wenn doch wenigstens einer Blumen an den Balkon hinge. Und dann erst im Amt. Alles war düster, grau in grau. Sonnenlicht gab es keines in seiner kleinen Besenkammer, die ihm als Büro für seine Funktion als „Beauftragter zum Abbau von Bürokratie im Amt für Bergbau des Landes Schleswig-Holstein“, das sich aus unerfindlichen Gründen in Frankfurt am Main befand, zustand. Peter setzte sich an seinen Schreibtisch.
Jetzt, um fünf nach acht, ist er bereit für seine Arbeit. Noch immer etwas schläfrig bearbeitet er den ersten Bogen auf seinem Schreibtisch. Es ist ein langweiliger Fall, völliger Standard, der auch nichts mit seiner eigentlichen Funktion zu tun hat, aber da niemand wirklich weiß, was die eigentlich ist, bekommt Peter eben alle leichten, langweiligen Standardfälle aus anderen Abteilungen zugeschoben. Es geht um einen Ostfriesen, der im Watt eine Bergseilbahn errichten will, um Skitouristen anzulocken und dafür um Fördermittel bittet. Peter weiß zwar nicht recht, wie das denn gehen soll, aber er findet die Vorstellung lustig, einem Sachsen beim Langlauffahren im Matsch des Wattenmeeres zuzusehen. Deshalb empfiehlt er die Bewilligung des Antrags und schreibt noch unten dazu: „Vielleicht kann man ja einen künstlichen Berg ähnlich wie in Dubai dazubauen.“
Ach ja, Dubai, bei 40°C aus einem Luxushotel auf das Meer schauen, direkt in den Pool springen und im Anschluss noch auf das schöne Leben mit seiner Traumfrau anstoßen, das hätte er haben können. Oder wäre es eher in die Karibik gegangen? Aber wer weiß, was dort alles passiert wäre? Vielleicht hätte es einen Hurricane gegeben? Vielleicht wäre die liebevolle Lisa plötzlich zur kratzbürstigen Ksantippe (sic!) geworden? Nein, so wie es ist, ist sein Leben schon in Ordnung. Alles geht seinen Gang, er hat keine größeren Sorgen und gleich beginnt die Mittagspause. *Gähn* Es klopft an der Tür. Das ist eine wirkliche Seltenheit. „H-H-Herein“, stammelte Peter, denn das Klopfen hatte für gewöhnlich nichts Gutes zu bedeuten. Aber es war nur eine junge Frau, die das BAFöG-Amt suchte. Nun, da konnte er ihr auch nicht helfen. „Versuchen Sie es mal da vorne rechts“, sagte er. „Aber da steht doch ‚Senioren und Rente’…?“ „Ja, das kann gut sein, die haben neuerdings das Amt für Ausbildungsförderung übernommen. Guten Tag.“ Endlich schluckte die Studentin die Auskunft und Peter widmete sich wieder seiner Arbeit.
Eigentlich hat Peter ja Maschinenbau studiert. Er hatte eine Vision für die Zukunft: Er wollte das weltweite Wasserproblem lösen und Filteranlagen in aller Welt installieren. Aber dann kam das Studium und er stellte fest, dass das gar nicht so leicht war. Er lernte wie ein verrückter und schließlich hatte er seinen Plan vergessen. Dann kam Lisa. Sie liebten sich. Aber dann kam die Entscheidungsfrage der Weltreise und Peter erinnerte sich wieder an seinen alten Plan: Filteranlagen. Dafür brauchte er Geld. Doch als er das Geld hatte, war Lisa weg und mit ihr sein Unternehmergeist. Dann traf er Monika. Sie heirateten, hatten zwei Kinder und kauften sich ein Haus. Irgendwie war Peter dann auch an den Beamtenjob gekommen. Und jetzt sitzt er hier und bearbeitet sinnlose Anträge.
Im kleinsten Zimmer der unwichtigsten Behörde eines kleinen Bundeslandes legt wie üblich Peter Müller um Punkt 11:59:59 Uhr seinen Stift zur Seite und schaltet den Bildschirm aus, denn es ist Zeit für die Mittagspause. Fünfzehn Minuten passiert nichts weiter. Peter sitzt einfach da und macht Pause. Um 12:15 Uhr klopft es an der Tür. Jetzt steht Peter auf, verstaut die Akten fein säuberlich an zufällig gewählten Punkten des Tisches und verlässt das Zimmer. Monika hatte sich dafür entschieden, heute in der Mittagspause zu einem anderen Bäcker zu gehen als sonst, um mal was neues auszuprobieren. „Übrigens alles Gute zum Hochzeitstag“, erwähnte Peter beiläufig. „Dir auch“, antwortete Monika. Das wars. Mehr würden sie beide zu diesem Thema weder sagen noch tun. Ihr Sohn war das Kind der Hochzeitsnacht. Mittlerweile ist er 24, hat studiert und arbeitet jetzt in irgendeiner Bank. Aber viel Kontakt haben sie nicht mehr. Manchmal fragt sich Peter, was er wohl gerade macht, aber dann denkt er, „Er wird wohl glücklich sein“, und das war es dann. Schließlich muss jeder sein eigenes Leben leben. Außerdem hatten sie noch eine Tochter, aber die war mit ihren 19 Jahren ja kaum noch zu Hause. „Ich muss wieder zur Arbeit“, sagte Peter, kippte den Rest Kaffee herunter, sah auf seine Uhr, sah noch einmal auf seine Uhr (Es war dreiviertel eins) und ging zurück zur Arbeit.
Peter bearbeitet in der Zeit von 13 bis 17 Uhr sinnlose Anträge.
Um 17:00 Uhr macht sich eine etwas erschöpfte Gestalt mit schlecht sitzendem Anzug auf den Weg, vorbei an kahlen Wänden, vorbei an hässlichen Häuserzeilen und mit dem Gedränge in den Bus. Es wäre unnötig zu erwähnen, dass es regnet, während Peter zum Bus läuft und auf ihn wartet, aber in dem Moment aufhört, als sich die Tür hinter ihm schließt.

Ein Baum flog hinterher

Mein kleiner grüner Kaktus steht draußen am Balkon. Und wenn er nicht heruntergefallen ist, dann steht er da noch heute. Ein Kaktus steht am Fenster ganz still und stumm. Er hat vor lauter Stacheln ein Mäntlein um. Lässt er seine Stacheln fallen, dann ist er nackt. Schutzlos trotzt er der Kälte. Und er klagt nicht, er weint nicht, er steht nur da. Draußen. Am Balkon. Stumm.

Ein Vogel wollte Hochzeit halten auf dem schönen Balkone. Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt? Wer hat soviel Pinkepinke, wer hat so viel Geld? Am Ende muss der Kaktus Stacheln lassen.

Drinnen im Haus begannen sie umzubauen. Tag für Tag rückten Bauarbeiter an. Dem Kaktus war es egal. Sie ließen ihn in Ruhe und er sie. Eines Tages stellte sich einer zum Rauchen auf den Balkon. Er kam dem Kaktus gefährlich nahe. Der Kaktus stach ihn. Die zwei Stacheln konnte er gerade noch entbehren.

Der Winter kam, die Arbeiter gingen. Stattdessen zog eine Familie mit Kindern ein. Bald darauf begann es zu schneien. Dem Kaktus war es egal. Er fror zwar, aber gleichzeitig schützte ihn sein Stachelkleid. Eines Tages stellte die Familie ein großes stacheliges Wesen auf den Balkon. Es war riesig und schön geschmückt. Wenn der Kaktus ein Herz gehabt hätte, dann hätte es jetzt sehr stark geschlagen. Am nächsten Tag besah er es bei Tag.

Sie war eine hübsch geschmückte Tanne. Was ihn aber besonders begeisterte, das war ihr kräftiger, nichtsdestotrotz aber eleganter Wuchs. Zwischen ihren mittleren Ästen könnte sie ihn bestimmt gut wärmen. Der Kaktus begann zu überlegen, wie sie denn auf ihn aufmerksam werden sollte. Er wollte auf sie zugehen, wollte sie ansprechen, aber er merkte bald, dass er weder Füße noch einen Mund hatte, mit dem er das bewerkstelligen konnte. Die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, bestand darin, sich schön zu machen. Also verwendete er all seine Kraft darauf, Blüten hervorzubringen. Endlich hatte er es geschafft: Ihm war eine besonders schöne Blume gelungen. Aber sie schien sie nicht einmal zu bemerken. Der Schnee kam und fiel auf die Blüte. Er fror zwar sehr, denn der Schnee war eiskalt, aber trotzdem wärmte ihn der Gedanke, dass die Blüte ihr gefallen könnte.

Heiligabend kam und mit ihm alle Verwandten der Familie. Sie bewunderten den Baum auf dem Balkon, doch niemand nahm Notiz von der unter so großen Mühen hervorgebrachten Blüte des Kaktus. Aber schon bald war der schöne Schein vorbei. Die Verwandten waren weg und der Baum auf dem Balkon begann zu nadeln.

Der Vater nahm den Baum und warf ihn vom Balkon. Dabei blieb dieser mit seinen Ästen am Kaktus hängen. Der Kaktus wusste nicht, wie ihm geschah und war im nächsten Moment mitten am Herz der Tanne. Zum ersten Mal in seinem Dasein war er nicht nur ein stiller Beobachter am Rand des Geschehens, sondern mittendrin.

Dies war seine Geschichte. Sie begann langweilig und drohte, langweilig zu bleiben. Doch dann trat eine Tanne in sein Leben und wirbelte es durcheinander. Jetzt war er ganz nah bei ihr und lebte glücklich und zufrieden bis zum Aufprall. Dann zersprang sein Topf und er steckte hilflos im Geäst der ebenso hilflosen Tanne. Und auch wenn sie beide wusste, dass ihr Leben sich dem Ende näherte, so waren sie doch so befreit wie nie zuvor. Ein Baum flog hinterher.

Die Geschichte vom Kaktus

Gelegentlich entwickeln sich in mathematischen Gedanken (die es hier noch nicht gibt) auch kleine Hirngespinstgeschichten wie diese:
Es ist die Geschichte vom Kaktus. Sie ist roh und unfertig, nicht geschliffen und vollkommen ungeplant.

Die Geschichte vom Kaktus

Als der kleine grüne Kaktus eines Morgens wie jeden Tag aus dem Fenster sah und das trübe Wetter über den Dächern der Stadt bedauerte, bemerkte er, dass sich eine Fliege in seinen Stacheln verfangen hatte.
„Na toll“, dachte sich der Kaktus und widmete sich wieder seinen Beobachtungen.
In der Etage unter ihm waren neue Mieter eingezogen.
Dem Geruch nach zu urteilen, waren es Inder.
Die Mutter hatte wahrscheinlich das Essen anbrennen lassen, denn es qualmte aus dem Fenster.
Die Straße glitzerte im Licht der aufgehenden Sonne.
Es regnete weiter.
Alltagslärm stieg zu ihm hinauf.
Grau in Grau.
Am gegenüberliegenden Fenster stand eine junge Kaktee.
Sie hatte ihren schönsten Übertopf an und war auf Hochglanz poliert.
Schlank, gut gebaut und überaus attraktiv stand sie ihm gegenüber.
Gleichwohl ließen ihre Dornen erkennen, dass ihr niemand zu nahe kommen sollte.
Doch wer sollte sie schon gefährden?
Er, der kleine dicke pummelige Kaktus von nebenan?
Und überhaupt: schön war er gar nicht.
Erst recht nicht mit dieser lästigen Fliege in den Dornen.
Der Kaktus war froh, dass sie ihn nicht sehen konnte.
Er meinte, seine Blüten hätten sich leicht rötlich verfärbt.
Trotz alledem versuchte er sich herzurichten.
Vielleicht würde sie ihn ja bemerken?
Er erneuerte einige seiner Dornen, versuchte den Staub, den er in den Jahren angesammelt hatte abzuwischen und richtete sich auf.
Hinter der Kaktee tauchte plötzlich ein Kater auf.
Von unten hörte er Alarmsirenen heulen.
Tatü tata!
Der Kater kam näher.
Tatü tata!
Er setzt zum Sprung an.
Tatü tata!
Jetzt, Endlich, würde er ihr seine Liebe zeigen.
Tatü tata!
Der Kaktus konnte sich nicht rühren.
Tatü tata!
Er musste die Wurzeln loswerden!
Tatü Tata!
Die Katastrophe schreitet voran!
Tatü tata!
Der Kater fliegt.
Tatü.
Der Kakus hält die Luft an.
Ta
Die Kaktee fährt ihre Stacheln aus.
Ta
Der Kater landet auf der Kaktee.
Ta
Hinter dem Kaktus kracht es.

Der Kater miaut vor Schmerz.
Ta
Der Kater stößt sich ab.
Ta
Die Kaktee kippt.
Ta
Unter dem Kaktus riecht es verbrannt.

Es ist nicht nur das Essen.
Ta
Das Fenster gegenüber steht offen.
Ta
Der Einsatzleiter ruft etwas.
T
Die Kaktee liegt auf dem Fensterbrett.
a
Der Boden unter dem Kaktus wird heiß.
t
Die Kaktee nähert sich dem Abgrund.
ü
Der Kater leckt sich die Pfoten.
T
Es kracht der Boden.
a
Die Kaktee…
t
Der Boden wackelt.
a
Der Kaktus kippt.
T
Er taumelt schwerelos.
a
Sie schreit.
t
Ihr Topf fliegt weg.
ü
Er muss sie schützen.
t
Er fällt.
a
Sie fällt.
t
Ohne Topf…
a
dem Feuerwehrmann auf den Kopf.
Am Boden liegen sie vereint.
Der schwer verletzte Inder weint.
Zwei haben sich gefunden
Und sind zum Schluss verbunden.
Das Haus fällt hinterher…

Das war die Geschichte. Vielleicht gefällt sie ja jemandem.

Der Maddemaddigger