Schlussstrich

„Es muss doch mal Schluss sein“, war Opas Gedanke.
„Ich habe doch niemandem Böses getan.
Ich wollte nur Gutes, doch für Fremde und Kranke,
Zigeuner(*) und Juden war kein Platz im Plan“

„Es muss doch mal Schluss sein“, das sagtest du immer.
Du wolltest geordnetes Volkseinerlei.
„Wo soll das noch hinführen? Macht es nicht noch schlimmer!“
Du liebst unser Land doch nur „ausländerfrei.“

„Es muss doch mal Schluss sein“, beklagst du noch immer.
„Es kommen zu viele der Araber an.“
„Wo soll das noch hinführen? Gebt denen kein Zimmer!“
Was sind deine Ziele? „Das Haus glaubt jetzt dran.“(**)

„Es muss doch mal Schluss sein“, das wirst du noch sagen,
wenn einmal dein Kind nach Verantwortung fragt.
„Hätt’ ich’s nicht getan, ging es mir an den Kragen“,
Behauptest du dann, wenn man gegen dich klagt.

 

Anmerkungen:

(*)Da die Haltung des „Zitierten“ hier offensichtlich ist, wäre es unrealistisch, die verwendete abwertende Bezeichnung zu ändern.

(**) Dafür gibt es leider viel zu viele Beispiele, ebenso wie für andere Formen von Gewalt gegen Schutzsuchende.

(***) Ich habe es erst nach dem Schreiben gemerkt, aber das passt (völlig ungeplant) zum Projekt Gegen das Vergessen, das ich deshalb hier verlinke.

Nostalgie (Gedicht eines Greises)

Es war an einem Sommertag – der Juni war noch bunter,

als zur schönen Weihnachtszeit Schnee leise rieseln konnte -,

da sah ich, der am Strande lag – die Sonne ging grad unter –

ein Mädchen, das im Sommerkleid sich auf den Kieseln sonnte.

 

Der Tag, er ist so lange her, dass ich mich nicht entsinne,

wann dieses wohl gewesen ist, wie viel an Zeit vergangen.

Ach, zuzugeben fällt mir schwer, dass ich im Kopf wohl spinne,

nach dieser viel zu langen Frist nach jener zu verlangen.

 

„Ach hätte ich, ach könnte ich…“ vergeblich meine Klage,

denn ich bin ja auch selber schuld: Nostalgisch nach dem Alten

bedauerte ich damals mich, weil ohne jede Frage

die ehemals erfahrne Huld und Liebe wollt erkalten.

 

Trägt langsam wohl die Sorgen fort der Schleier durch Vergessen?

Bleibt von Gewalt an jedem Ort nur friedlich Weihnachtsessen?

Wird eines Tages dieses Jahr mein (k)altes Herz erweichen?

Wird die Erinnerung sogar dem schönen Mädchen gleichen?

 

Grau

    Grau liegt Nebel auf den Hügeln, wabert leise vor sich hin.
    Grau sind Häuser dieser Straße, dort, wo ich zu Hause bin.
    Grau, so dampft es auch aus Schloten von Fabriken in die Luft.
    Grau verströmen Autogase dunkelgrauen Motorduft.

    Grau erscheint die schwache Sonne, leuchtet kraftlos früh am Tag.
    Grau erscheint das ganze Leben, dessen Tücken ich sonst mag.
    Grau sind alle Alltagssorgen, grau die Arbeit, grau das „Muss“.
    Grau gibt kreisenden Gedanken von der Muse keinen Kuss.

    Doch schon mittags scheint die Sonne, bricht die dicke Nebelbank.
    Weinberg strahlt wie ich vor Wonne, leuchtet hell zum goldnen Dank.
    Auf dem Hügel dort die Bäume haben sich schon schick gemacht,
    sammeln farbenfrohe Träume für die lange Winternacht.

    Braun-gelb-rote Blätter tanzen, wirbeln sprunghaft hin und her,
    wogen um verblühte Pflanzen herrlich bunt als Farbenmeer.
    Bis zum neuen Frühjahrsmorgen träumt der Wald in Winterruh.
    Nach dem Sorgengrau am Morgen lächelt er uns abends zu.

Herbst

Wenn draußen die Tage zur Dunkelheit neigen,
trägt leise der Wind alle Blätter hinfort,
will langsam den Weg in den Winter uns zeigen
und Stille belegt jetzt schon bald diesen Ort.

Wenn draußen die Tage dem Nebel entsteigen,
strahlt immer noch wärmend die Sonne herab.
Doch kahl werden Bäume, sie stehen und schweigen.
Die Blätter, sie fallen sanft tanzend hinab.

Wenn draußen die Tage den Nächten erst weichen,
Bestaune ich Träumender mitten am Tag
die traurigen, aber an Farben so reichen
Gemälde, die er nur zu malen vermag.