Wortwahl -subjektive Klassik

Vor genau einem Jahr habe ich mich an dieser Stelle gefragt, was es denn bedeutet, „europäische Werte zu verteidigen“. Ein Jahr später, mit Brexit, Trump und Erdowahn, ist es an der Zeit, neue Fragen zu stellen, alte Antworten zu korrigieren oder zu ergänzen und neue Ansätze zu finden.

Seit der letzten Betrachtung hat sich die politische Lage in einigen Punkten geändert. Nach moralisch fragwürdigen Deals, ebenso fragwürdig verstärkten Grenzanlagen und langsam einkehrender Normalität ist die in den letzten beiden Jahren omnipräsente Flüchtlingsproblematik eher zu einem unterbewussten Dauerrauschen geworden. Gleichzeitig kann von einer „Politik der offenen Grenzen“ jedenfalls gegenüber Asylsuchenden schon länger keine Rede mehr sein.

Damit ist eine meiner letztjährigen Fragen beantwortet: „europäische Werte zu verteidigen“ bedeutet wohl für die Kanzlerin und ihre Bundesregierung hauptsächlich, Zusammenarbeit und offene Grenzen innerhalb Europas zu erhalten, auch, wenn das den Verrat der eigenen Ideale an den Außengrenzen bedeutet.

Das wiederum scheint bei vielen Menschen so nicht angekommen zu sein. Die einen sehen trotz inzwischen offensichtlicher Widersprüche die Kanzlerin immer noch in der Rolle der Verteidigerin der Menschenrechte, während andere immer neue Abschottungsmaßnahmen fordern.

Passend dazu entstieg parallel zur schrittweisen Verdrängung der Flüchtlingsproblematik den teils hysterischen Auseinandersetzungen des letzten Jahres ein altes und gleichzeitig in dieser Dimension neues Aufgabenfeld: Die Frage nach der Wahrheit.

Während man früher zumindest auf einer gemeinsamen Faktenbasis über unterschiedliche Ergebnisse diskutierte, scheint es inzwischen vollkommen normal zu sein, Fakten einfach zu erfinden oder aber Fakten des Gegenübers anzuzweifeln, sofern sie der eigenen Meinung widersprechen. Das betrifft nicht nur die üblichen „Lügenpresse“ rufenden Verdächtigen, sondern auch höherrangige Politiker in Deutschland (wie etwa den deutschen Innenminister De Maizière) und bekanntlich auch den US-Präsidenten Trump. Dabei ist die „gefühlte Wahrheit“ ja durchaus nichts Neues und ein seit Jahrhunderten bekanntes Phänomen, das auch außerhalb der Politik anzutreffen ist. Nicht umsonst hat es die Frage „Was ist Wahrheit?“ in die biblische Überlieferung geschafft.

Neu ist lediglich die Leichtfertigkeit, mit der mit der Wahrheit umgegangen wird. Es interessiert uns teilweise überhaupt nicht mehr, was denn die Wahrheit ist, solange unsere eigene Haltung dadurch nicht in Frage gestellt wird. Zum „Wahren“ wird zunehmend das, was die eigene Vorstellung vom „Guten“ stützt. Dabei werden echte und auch gefühlte Fakten nicht mehr für einen vernünftigen Diskurs genutzt, sondern als Totschlagargumente solange auf den Gegner geworfen, bis er schließlich mundtot gemacht ist.

Das Hören auf Töne zwischen Schwarz und Weiß verschwindet in diesem System aus Haltungen, die sich primär durch Abgrenzung voneinander als durch positive Werte definieren.

An manchen Tagen demonstrieren dann die einen gegen eine angebliche Islamisierung, was eine Gegendemonstration der anderen auf den Plan ruft, deren größte Gemeinsamkeit es ist, gegen rechte Ideologie zu sein. Das kommt natürlich nicht von ungefähr, denn schließlich sind meistens die Emotionen gegen etwas deutlich stärker als für einen Wertekanon, wodurch auch die Mobilisierung deutlich leichter gelingt. Gleichwohl verhärtet dieses gegenseitige dagegen sein die Fronten und macht somit Auseinandersetzungen für alle nicht-extremen Positionen deutlich schwerer. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Kundgebung der eigenen Meinung in Form von Demonstrationen und Aktionen schlecht ist, sondern lediglich, dass man dort nicht aufhören darf und immer wieder die Zwischentöne suchen muss. Andernfalls wird das „Gute“ des einen genau zum „Schlechten“ des anderen, womit eine gemeinsame Suche nach dem Richtigen Handeln unmöglich wird.

Dies liefert ein recht eigenwilliges Ergebnis: Nachdem das „Schöne“ bereits seit langem bekanntlich „im Auge des Betrachters“ liegt und das „Gute“ durchaus umstritten ist, sind wir letztes Jahr soweit gegangen, auch dem „Wahren“ seine Objektivität abzusprechen oder sie gar eigenhändig zu untergraben. In dieser lautstarken Auseinandersetzung um die klassischen Ideale haben wir ihren Sinn dermaßen entstellt, dass auch von der oft zitierten Vernunft der Aufklärung nicht mehr viel übrig ist. „Gut“ ist für uns allzu häufig eben nicht mehr das, was vernünftig wäre und uns moralisch „schön“ sein ließe, sondern, was wir gerade tun. Wir blicken herab auf das „Hässliche“ oder „Schlechte“ des Gegenübers und erkennen die eigene Fratze nicht mehr.

Aber wie kann man denn jetzt die „alten“ Ideale verteidigen? Wer kann schon von sich behaupten, immer aufrichtig zu sein? Wer sucht wirklich das Gute? Muss man das? Oder reicht es, zumindest ein bisschen mehr zum Vorbild zu werden, statt anderen ihre Verfehlungen vorzuwerfen? Und wie beantworten wir die Fragen danach, wie wir leben wollen, was wir uns unter Werten vorstellen, ja auch, wer wir eigentlich sein wollen? Ich weiß es nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s