Sackgassen

Menschen sind gestorben. Vorgestern. Vor einer Woche. Vor einer Stunde auch, ebenso gerade eben, aber das erregt die Gemüter nicht. Es sind singuläre Ereignisse, die unsere Aufmerksamkeit treffen, uns betroffen machen. Wenn an einem Tag in München neun Menschen an einem Herzinfarkt sterben, wird das wohl kaum mehr als ein Achselzucken wert sein, sterben sie bei einem Amoklauf, beginnt eine Maschinerie von Fragen.

Neben den wichtigen Fragen (was ist passiert, wer ist betroffen, wo gibt es Hilfe…) ist es vor Allem die Frage nach dem „Warum“, die uns keine Ruhe lässt. Warum kommt jemand auf die Idee, wahllos Menschen anzugreifen? Warum gerade dieser Ort? Warum gerade dieser Zeitpunkt? Das ist ganz natürlich. Menschen stellen nun einmal Fragen nach dem „Warum“. Das ist einer der Punkte, die uns von Maschinen unterscheidet. Wir suchen nach dem „Warum“, dem, was hinter der Fassade abgelaufen ist. Und wenn wir es uns, wie in diesem Fall, nicht erklären können, dann konstruieren wir eben Motive, um die entstandene Lücke zu füllen. Ob das jetzt vorschnelle Mutmaßungen zu einem möglichen terroristischen Motiv oder die totgeglaubten Killerspiele sind, all diese Punkte können nicht zweifelsfrei die Frage nach dem „Warum“ beantworten.

Vielleicht sieht sich ein Täter als Teil eines großen Ganzen, vielleicht will er aber auch einfach nur Menschen töten. Vielleicht hat er sich wirklich durch exzessives Spielen bestätigt gefühlt, vielleicht hat er sich damit abreagiert, wahrscheinlich trifft keins von beidem zu.

Die Wahrheit ist, dass wir es nicht wissen – nicht einmal wissen können. Das liegt nicht nur daran, dass man die betroffenen Personen nicht mehr fragen kann, sondern vielleicht auch daran, dass es gar keinen rational nachvollziehbaren Grund gibt, eigentlich keinen geben kann. Unschuldige (weil dem Täter bis dato unbekannte) Menschen zu töten, kann vernünftigerweise keine Rechtfertigung haben, weil es am eigentlichen Problem (was auch immer das ist) nichts ändert. Es ist schlicht und ergreifend sinnlos.

Wir sollten also nicht nach dem Motiv suchen. Jeder Versuch, dem Geschehen im Nachhinein einen Sinn zu geben, muss zwangsläufig in eine Sackgasse laufen. Schlimmer noch, er erlaubt potentiellen Nachahmern, sich in einen größeren Kontext einzuordnen, obwohl ihr eigentliches (irrationales) Motiv ein anderes ist. Außerdem verleitet es dazu, sich zurückzulehnen, die eigene Verantwortung zu verdrängen, sich seiner Überlegenheit zu sicher zu sein.

Statt nach einem Sinn (und damit nach einem oder mehreren Schuldigen) sollten wir eher nach Warnzeichen und Risikofaktoren Ausschau halten. Auch wenn solche Anzeichen dann in den meisten Fällen nicht auf eine drohende Gewalttat hindeuten (bzw. diese auslösen), ist es vermutlich dennoch sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen. Schließlich geht es ja nicht nur darum, akute Bedrohungslagen zu verhindern, sondern auch darum, ein gelingendes Zusammenleben zu ermöglichen. Das bedeutet insbesondere, dass uns die Sorgen, Probleme und Gedanken der Menschen um uns herum nicht egal sind, dass Menschen in schwierigen Situationen nicht allein gelassen werden und dass sie das auch so erleben können.

Das ist alles nichts Neues, aber vielleicht können wir es ja endlich einmal versuchen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Gedanken.

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