Wortwahl – „Europäische Werte verteidigen“

Wieder findet ein Gipfel in der Flüchtlingskrise statt und wieder beginnt der Kreislauf nationaler Egoismen von vorn. Und jede Seite behauptet von sich, „europäische Werte“ zu verteidigen, während die andere sie verrate. Doch welche Werte sind dabei gemeint?

Verteidigt die deutsche Bundeskanzlerin europäische Werte, wenn sie versucht, Mauern innerhalb Europas zu verhindern und die anderen dazu aufruft, solidarisch mit Griechenland zu sein?

Oder verrät sie europäische Werte, weil sie versucht, Flüchtlinge an der Ankunft in Europa zu hindern, indem sie mit der Türkei zusammenarbeitet, auch wenn das heißt, zu den dortigen Menschenrechtsverletzungen zu schweigen?

Hat sie das Menschenrecht auf Asyl und die in Griechenland Gestrandeten im Blick?

Oder versucht sie „nur“, innerhalb der europäischen Staaten Solidarität mit Griechenland zu erreichen und die Situation für die Griechen zu entschärfen?

Welche Werte verteidigen eigentlich diejenigen, die Zäune errichten (wollen) und sich damit zu den Rettern Europas stilisieren? Jedenfalls verteidigen sie damit keine Menschenrechte und sie verteidigen nicht den Wert internationaler Zusammenarbeit. Alles, was sie verteidigen ist ihre eigene gesellschaftliche Homogenität, als wäre ein Nationalstaat ein gottgegebenes Gebilde, das um jeden Preis so bleiben soll und als wäre der Wohlstand seiner Einwohner wertvoller als das Leben anderer Menschen (sprich das Leben der (nicht europäischen?) Ausländer).

Doch das sind alles andere als europäische Werte. Das Ziel der europäischen Einigung war ja gerade, auch in Hinblick auf die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts, dass egoistischer Nationalismus zugunsten von internationaler Zusammenarbeit und friedlicher Verständigung in den Hintergrund tritt. Europa sollte zu einem Vorbild für Frieden, Freiheit und Solidarität werden.

Aber was ist ein Europa wert, in dem Rechte und Vereinbarungen nur dann etwas gelten, wenn sie nichts kosten oder den eigenen Interessen dienen?

Was ist ein Europa wert, dessen Staaten sich im Angesicht einer Herausforderung dieser nicht gemeinsam stellen, sondern sich voneinander abschotten, weil niemand Verantwortung übernehmen will?

Was ist ein Europa wert, dessen Einwohner im Angesicht einer vermeintlichen Bedrohung lieber autoritären Rattenfängern populistischer Parteien hinterherlaufen, statt sich zu den gemeinsamen Werten (zu denen auch der Schutz vor Verfolgung und der Einsatz für den Frieden zählt)  zu bekennen?

Vielleicht sollten wir Europäer statt über Zahlen und Kontingente für einen Moment darüber nachdenken, wie dieses Europa, in dem wir leben wollen, aussehen sollte und könnte. Wenn für einige das wichtigste Ziel die Erhaltung der eigenen (gefühlten) Identität ist, werde ich es ihnen nicht verbieten.

Aber ich denke doch, dass ein unbedingtes Bekenntnis zu Menschenrechten wichtiger sein sollte als wirtschaftliche Interessen oder eigene Befürchtungen.

Und ich denke, dass es wichtiger ist, selbst Menschenrechte zu beherzigen und Vorbild zu sein, als andere auf Verfehlungen hinzuweisen.

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