Wortwahl – Warum ich nicht für Flüchtlinge bin

Der Titel klingt vielleicht seltsam und scheint so überhaupt nicht zu mir zu passen. Aber tatsächlich denke ich, dass ich nicht für Flüchtlinge bin.

Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich Angst vor „Wirtschaftsflüchtlingen“ habe. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass die Wortwahl hier falsch ist.

Was würde es denn bedeuten „für Flüchtlinge“ zu sein? Im Wortsinn bedeutet es doch, dass man dafür ist, dass es Flüchtlinge gibt, so wie auch sonst „für etwas sein“ bedeutet, es zu fördern und zu vermehren.

Aber das ist ja nicht das Ziel. Niemand kann ernsthaft wollen, dass es Flüchtlinge gibt. Niemand kann wollen, dass es Menschen gibt, die ihre Heimat aufgeben (müssen), um in Frieden leben zu können. Niemand kann wollen, dass große Bevölkerungsgruppen vor Krieg, Gewalt oder Unterdrückung weglaufen müssen.

Statt „für Flüchtlinge“ sollte die Wortwahl lieber „für die Unterstützung von Flüchtlingen“ oder „für die Aufnahme von Flüchtlingen“ sein, um klarzumachen, worum es wirklich geht.

Außerdem bin ich nicht „für Flüchtlinge“ (im anderen Sinn, also für die Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland), weil das hieße, dass man auch „gegen Flüchtlinge“ sein kann. Aber wie soll das gehen?

Man kann nicht für oder gegen die Realität sein. Man kann nicht „dafür“ sein, dass Menschen auf der Flucht nach Deutschland sind, und auch nicht „dagegen“.

Es ist völlig aussichtslos „gegen“ die Ankunft von Menschen zu sein. Wenn jemand flieht, dann ist es ihm egal, wie viele Mauern und Zäune im Weg stehen. Er hat nichts mehr zu verlieren und wird jedes Hindernis überwinden oder beim Versuch sterben. Flucht und Flüchtende sind eine Realität, die sich nicht durch Ablehnung auflösen wird.

Natürlich wird niemand in Begeisterung ausbrechen, wenn viele Menschen neu ins Land kommen und versorgt werden müssen. Doch das ist völlig irrelevant. Fakt ist, dass diese Menschen existieren. Fakt ist, dass sie (akut) Hilfe brauchen.

Das Einzige, was man durch eine Verstärkung der Grenzen erreicht, ist, dass mehr Menschen sterben.

Das Einzige, was man erreicht, wenn man Menschen ablehnt, ist, sie an den Rand zu drängen und schlimmstenfalls zu Kriminalität zu zwingen.

Was man tun kann (und muss), ist, diesen Menschen erst einmal Schutz zu gewähren, damit sie eben keine Flüchtlinge mehr sind, damit sie nicht mehr fliehen müssen.

Was weiterhin (langfristig) getan werden muss, ist eine Bekämpfung der Fluchtursachen (nicht eine Versperrung der Fluchtwege).

Niemand verliert durch die Flüchtlinge irgendetwas (es sei denn, er gibt es freiwillig ab) oder muss (im Sinn von Zwang) irgendetwas aktiv tun (auch wenn das natürlich schön wäre).

Was jeder einzelne tun muss, ist, die Realität der Flucht zu akzeptieren. Das heißt, zu sehen, dass es Menschen sind, die ankommen und dass jeder einzelne dieser Menschen das Recht hat, um Hilfe zu bitten.

Es heißt weiter, dass jeder dieser Menschen erst einmal die Chance haben muss, überhaupt (als Mensch und nicht als Teil einer Gruppe) wahrgenommen zu werden.

Und schließlich sollten wir die Debatte darüber überwinden, ob die Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland gut oder schlecht ist. Flüchtlinge existieren (und werden noch lange Zeit existieren).

Nein, ich bin nicht für Flüchtlinge. Ich halte die Existenz von Flüchtlingen für eine Verdeutlichung davon, dass die Welt eben nicht so heil ist, wie sie sich manch einer (auch ich manchmal) vorstellt. Aber ich bin dafür, dass man den Menschen, die sich auf der Flucht befinden oder ihre Flucht vor kurzem beendet haben, das Leben nicht unnötig schwermacht und sie nach eigenen Möglichkeiten unterstützt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s