NSA und ähnliche, Arbeitsspeicherarchiv 3

Kein Notizbucheintrag, aber trotzdem schon etwas rumgelegen (So ungefähr seit 2013):

Warum sollte man sich aufregen, nur weil irgendein Geheimdienst millionenfach Menschen ihre Privatsphäre weggenommen hat? Warum sollte man sich aufregen, vor allem, nachdem wir alle schon freiwillig unsere Privatsphäre und Freizeit auf dem Altar der ständigen Verfügbarkeit geopfert haben? Welchen Sinn hat es, das Offensichtliche zu beklagen? Aufregen ist zwecklos.

Das heißt freilich nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen und den massiven Grundrechtsverstoß einfach hinnehmen sollten. Sich nicht aufzuregen, bedeutet nicht, einverstanden zu sein. Es bedeutet auch nicht, untätig zu sein. Ruhig zu bleiben bedeutet Stärke. Ruhig bleiben, bis der richtige Moment gekommen ist, muss das Ziel sein. Niemand ist wirklich wütend auf die NSA, die Weltöffentlichkeit ist nur maßlos enttäuscht von ihrer Arbeitsunfähigkeit. Wie viele echte Erfolge in der Terrorbekämpfung kann die NSA vorweisen? Wie viele falsche Verdächtigungen stehen dem gegenüber? Wie maßlos übertrieben hoch ist der Preis, den jeder einzelne, ob freiwillig oder nicht, für ein minimales Plus an Sicherheit und ein großes Plus an Überwachung und Willkür zu zahlen hat?

Es gibt keinen Grund, sich aufzuregen, denn in Wirklichkeit haben wir es doch schon längst gewusst. Wir sind ja keinen Deut besser: Beobachten unsere Nachbarn, ob sie auch wirklich dem Idealbild entsprechen, passen uns an, aus Angst, an den Rand gedrängt zu werden. Es gibt keinen Grund, mit dem Finger auf die USA zu zeigen. Wer von uns würde, wenn er Präsident der USA wäre, wirklich freiwillig auf die Informationen seines Geheimdienstes verzichten? Es kann doch nicht sein, dass wir jetzt uns über die Bespitzelung durch die USA aufregen, aber gleichzeitig immer und immer wieder durch Verleumdungen, üble Nachrede, Demütigungen, (Bild-)Voyeurismus und anderes viel tiefer in die Grundrechte unserer Mitmenschen eingreifen. Die gleichen Rechte, die wir für uns selbst proklamiern, in diesem Fall ein Recht auf Privatsphäre, die Unverletzlichkeit der Wohnung und damit auch der Schutz vor Bespitzelung, sprechen wir immer wieder anderen Menschen ab.

Warum sonst sind die Klatschzeitschriften mit bunten Bildern so beliebt? Wegen der Kreuzworträtsel bestimmt nicht. Wer ist nicht schadenfroh, wenn peinliche Fotos von Prominenten auf der Titelseite diverser Magazine landen? Wer fühlt sich nicht überlegen, wenn er sieht, wie es Menschen noch schlechter geht? Wer lässt nicht gern mal den Moralapostel raushängen („Denn Gott sei dank – ich bin nicht so“)?

Auch all diejenigen, die immer wieder bekräftigen, was für ein sinnloser Sender RTL doch ist und sich in ihrer selbstauferlegten Besserwissermoral sonnen, sind ein gutes Beispiel dafür. Denn es ist genau dieser Personenkreis, der am liebsten peinliche „Fail-Compilations“ ins Netz stellt, teilt und verbreitet. Es ist genau der Personenkreis, der sich über die Unmenschlichkeit der RTL-Produzenten echauffiert, aber im nächsten Atemzug die Würde und die Grundrechte anderer Menschen mit Füßen tritt.

Es ist also zwecklos, sich über die Verfehlungen „der anderen“ zu beschweren. Die einzige Möglichkeit, die Situation wirklich zu verändern, besteht gerade nicht darin, auf allen Kanälen über die Bösen „da oben“ oder „in den USA“ zu jammern, sondern darin, aktiv Verbesserungen einzubringen. Dabei geht es aber nicht um Verbesserungsvorschläge wie „Ich will mich nicht überwachen lassen“, auch wenn diese sich natürlich gut vermarkten lassen, sondern um ernsthafte Vorschläge, wie ein Maximum an Sicherheit mit einem möglichst kleinen Eingriff in die Rechte des einzelnen möglich ist. Es geht um Vorschläge, die zum Beispiel im Ernstfall eine schnelle Evakuierung der betroffenen Gebiete ermöglichen, es geht um Konzepte, die Fluchtwege intelligenter gestalten. Es geht um Ideen, die Krisenherde erkennen, ohne dabei einzelne Menschen zu beobachten. Es geht auch darum, die Wurzel des Fanatismus und Terrorismus zu bekämpfen, denn wenn die Wurzel des Problems beseitigt ist, dann sind die Überwachungsmaßnahmen nicht länger nötig.

Schließlich geht es noch darum, das tatsächliche moralische Bewusstsein zu stärken. Das moralische Bewusstsein ist hier aber nicht der moralische Zeigefinger, sondern die Erkenntnis, dass man selbst auch nicht besser ist. Denn in einer Kultur, die Fehler verzeiht und den Perfektionismus überwindet, verschwindet jede Paranoia und die Sicherheitsproblematik wird sich von selbst lösen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Gedanken.

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