Normalität (2) – Der Job

Peter sieht auf seine Uhr. Anders als bei anderen Menschen ist sie nicht am Arm befestigt, sondern steckt — an der Gürtelschlaufe befestigt — in seiner Hosentasche. Das hat keinen besonderen Grund, ist aber erwähnenswert, denn es zeigt, dass Peter eben nicht ganz gewöhnlich ist. Eine Sekunde später sieht Peter erneut auf seine Uhr, denn er hat beim ersten Mal nicht auf die Uhrzeit geachtet. Es ist fünf vor acht. Um acht sollte er im Büro sein und dorthin bräuchte er sieben Minuten, wenn er sich beeilte. Damit käme er aber knapp zu spät und unterbräche die frühmorgendliche Begrüßungszeremonie seiner Kollegen. Also konnte er sich auch Zeit lassen, fünf Minuten zu spät kommen und in aller Seelenruhe durch leere Gänge seinen Arbeitsplatz aufsuchen. Die Straßen wirkten so grau. Wenn doch wenigstens einer Blumen an den Balkon hinge. Und dann erst im Amt. Alles war düster, grau in grau. Sonnenlicht gab es keines in seiner kleinen Besenkammer, die ihm als Büro für seine Funktion als „Beauftragter zum Abbau von Bürokratie im Amt für Bergbau des Landes Schleswig-Holstein“, das sich aus unerfindlichen Gründen in Frankfurt am Main befand, zustand. Peter setzte sich an seinen Schreibtisch.
Jetzt, um fünf nach acht, ist er bereit für seine Arbeit. Noch immer etwas schläfrig bearbeitet er den ersten Bogen auf seinem Schreibtisch. Es ist ein langweiliger Fall, völliger Standard, der auch nichts mit seiner eigentlichen Funktion zu tun hat, aber da niemand wirklich weiß, was die eigentlich ist, bekommt Peter eben alle leichten, langweiligen Standardfälle aus anderen Abteilungen zugeschoben. Es geht um einen Ostfriesen, der im Watt eine Bergseilbahn errichten will, um Skitouristen anzulocken und dafür um Fördermittel bittet. Peter weiß zwar nicht recht, wie das denn gehen soll, aber er findet die Vorstellung lustig, einem Sachsen beim Langlauffahren im Matsch des Wattenmeeres zuzusehen. Deshalb empfiehlt er die Bewilligung des Antrags und schreibt noch unten dazu: „Vielleicht kann man ja einen künstlichen Berg ähnlich wie in Dubai dazubauen.“
Ach ja, Dubai, bei 40°C aus einem Luxushotel auf das Meer schauen, direkt in den Pool springen und im Anschluss noch auf das schöne Leben mit seiner Traumfrau anstoßen, das hätte er haben können. Oder wäre es eher in die Karibik gegangen? Aber wer weiß, was dort alles passiert wäre? Vielleicht hätte es einen Hurricane gegeben? Vielleicht wäre die liebevolle Lisa plötzlich zur kratzbürstigen Ksantippe (sic!) geworden? Nein, so wie es ist, ist sein Leben schon in Ordnung. Alles geht seinen Gang, er hat keine größeren Sorgen und gleich beginnt die Mittagspause. *Gähn* Es klopft an der Tür. Das ist eine wirkliche Seltenheit. „H-H-Herein“, stammelte Peter, denn das Klopfen hatte für gewöhnlich nichts Gutes zu bedeuten. Aber es war nur eine junge Frau, die das BAFöG-Amt suchte. Nun, da konnte er ihr auch nicht helfen. „Versuchen Sie es mal da vorne rechts“, sagte er. „Aber da steht doch ‚Senioren und Rente’…?“ „Ja, das kann gut sein, die haben neuerdings das Amt für Ausbildungsförderung übernommen. Guten Tag.“ Endlich schluckte die Studentin die Auskunft und Peter widmete sich wieder seiner Arbeit.
Eigentlich hat Peter ja Maschinenbau studiert. Er hatte eine Vision für die Zukunft: Er wollte das weltweite Wasserproblem lösen und Filteranlagen in aller Welt installieren. Aber dann kam das Studium und er stellte fest, dass das gar nicht so leicht war. Er lernte wie ein verrückter und schließlich hatte er seinen Plan vergessen. Dann kam Lisa. Sie liebten sich. Aber dann kam die Entscheidungsfrage der Weltreise und Peter erinnerte sich wieder an seinen alten Plan: Filteranlagen. Dafür brauchte er Geld. Doch als er das Geld hatte, war Lisa weg und mit ihr sein Unternehmergeist. Dann traf er Monika. Sie heirateten, hatten zwei Kinder und kauften sich ein Haus. Irgendwie war Peter dann auch an den Beamtenjob gekommen. Und jetzt sitzt er hier und bearbeitet sinnlose Anträge.
Im kleinsten Zimmer der unwichtigsten Behörde eines kleinen Bundeslandes legt wie üblich Peter Müller um Punkt 11:59:59 Uhr seinen Stift zur Seite und schaltet den Bildschirm aus, denn es ist Zeit für die Mittagspause. Fünfzehn Minuten passiert nichts weiter. Peter sitzt einfach da und macht Pause. Um 12:15 Uhr klopft es an der Tür. Jetzt steht Peter auf, verstaut die Akten fein säuberlich an zufällig gewählten Punkten des Tisches und verlässt das Zimmer. Monika hatte sich dafür entschieden, heute in der Mittagspause zu einem anderen Bäcker zu gehen als sonst, um mal was neues auszuprobieren. „Übrigens alles Gute zum Hochzeitstag“, erwähnte Peter beiläufig. „Dir auch“, antwortete Monika. Das wars. Mehr würden sie beide zu diesem Thema weder sagen noch tun. Ihr Sohn war das Kind der Hochzeitsnacht. Mittlerweile ist er 24, hat studiert und arbeitet jetzt in irgendeiner Bank. Aber viel Kontakt haben sie nicht mehr. Manchmal fragt sich Peter, was er wohl gerade macht, aber dann denkt er, „Er wird wohl glücklich sein“, und das war es dann. Schließlich muss jeder sein eigenes Leben leben. Außerdem hatten sie noch eine Tochter, aber die war mit ihren 19 Jahren ja kaum noch zu Hause. „Ich muss wieder zur Arbeit“, sagte Peter, kippte den Rest Kaffee herunter, sah auf seine Uhr, sah noch einmal auf seine Uhr (Es war dreiviertel eins) und ging zurück zur Arbeit.
Peter bearbeitet in der Zeit von 13 bis 17 Uhr sinnlose Anträge.
Um 17:00 Uhr macht sich eine etwas erschöpfte Gestalt mit schlecht sitzendem Anzug auf den Weg, vorbei an kahlen Wänden, vorbei an hässlichen Häuserzeilen und mit dem Gedränge in den Bus. Es wäre unnötig zu erwähnen, dass es regnet, während Peter zum Bus läuft und auf ihn wartet, aber in dem Moment aufhört, als sich die Tür hinter ihm schließt.

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