Ein Baum flog hinterher

Mein kleiner grüner Kaktus steht draußen am Balkon. Und wenn er nicht heruntergefallen ist, dann steht er da noch heute. Ein Kaktus steht am Fenster ganz still und stumm. Er hat vor lauter Stacheln ein Mäntlein um. Lässt er seine Stacheln fallen, dann ist er nackt. Schutzlos trotzt er der Kälte. Und er klagt nicht, er weint nicht, er steht nur da. Draußen. Am Balkon. Stumm.

Ein Vogel wollte Hochzeit halten auf dem schönen Balkone. Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt? Wer hat soviel Pinkepinke, wer hat so viel Geld? Am Ende muss der Kaktus Stacheln lassen.

Drinnen im Haus begannen sie umzubauen. Tag für Tag rückten Bauarbeiter an. Dem Kaktus war es egal. Sie ließen ihn in Ruhe und er sie. Eines Tages stellte sich einer zum Rauchen auf den Balkon. Er kam dem Kaktus gefährlich nahe. Der Kaktus stach ihn. Die zwei Stacheln konnte er gerade noch entbehren.

Der Winter kam, die Arbeiter gingen. Stattdessen zog eine Familie mit Kindern ein. Bald darauf begann es zu schneien. Dem Kaktus war es egal. Er fror zwar, aber gleichzeitig schützte ihn sein Stachelkleid. Eines Tages stellte die Familie ein großes stacheliges Wesen auf den Balkon. Es war riesig und schön geschmückt. Wenn der Kaktus ein Herz gehabt hätte, dann hätte es jetzt sehr stark geschlagen. Am nächsten Tag besah er es bei Tag.

Sie war eine hübsch geschmückte Tanne. Was ihn aber besonders begeisterte, das war ihr kräftiger, nichtsdestotrotz aber eleganter Wuchs. Zwischen ihren mittleren Ästen könnte sie ihn bestimmt gut wärmen. Der Kaktus begann zu überlegen, wie sie denn auf ihn aufmerksam werden sollte. Er wollte auf sie zugehen, wollte sie ansprechen, aber er merkte bald, dass er weder Füße noch einen Mund hatte, mit dem er das bewerkstelligen konnte. Die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, bestand darin, sich schön zu machen. Also verwendete er all seine Kraft darauf, Blüten hervorzubringen. Endlich hatte er es geschafft: Ihm war eine besonders schöne Blume gelungen. Aber sie schien sie nicht einmal zu bemerken. Der Schnee kam und fiel auf die Blüte. Er fror zwar sehr, denn der Schnee war eiskalt, aber trotzdem wärmte ihn der Gedanke, dass die Blüte ihr gefallen könnte.

Heiligabend kam und mit ihm alle Verwandten der Familie. Sie bewunderten den Baum auf dem Balkon, doch niemand nahm Notiz von der unter so großen Mühen hervorgebrachten Blüte des Kaktus. Aber schon bald war der schöne Schein vorbei. Die Verwandten waren weg und der Baum auf dem Balkon begann zu nadeln.

Der Vater nahm den Baum und warf ihn vom Balkon. Dabei blieb dieser mit seinen Ästen am Kaktus hängen. Der Kaktus wusste nicht, wie ihm geschah und war im nächsten Moment mitten am Herz der Tanne. Zum ersten Mal in seinem Dasein war er nicht nur ein stiller Beobachter am Rand des Geschehens, sondern mittendrin.

Dies war seine Geschichte. Sie begann langweilig und drohte, langweilig zu bleiben. Doch dann trat eine Tanne in sein Leben und wirbelte es durcheinander. Jetzt war er ganz nah bei ihr und lebte glücklich und zufrieden bis zum Aufprall. Dann zersprang sein Topf und er steckte hilflos im Geäst der ebenso hilflosen Tanne. Und auch wenn sie beide wusste, dass ihr Leben sich dem Ende näherte, so waren sie doch so befreit wie nie zuvor. Ein Baum flog hinterher.

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